Eine Chronik

Eine Runentafel, der Frühlingsgöttin Ostara gewidmet
Eine Runentafel – der Frühlingsgöttin Ostara gewidmet

von der Ortschaft Barksen und seiner Umgebung


Diese etwas andere, aber ernsthafte Chronik ist niemals fertig oder ganz aktuell, deshalb wird sie immer wieder aufgefrischt.

Verfasser Text & Fotos: Ferdinand Alms
Stand: 19. Juni 2017

Besonderer Hinweis:
Durch einfaches Hineinklicken lassen sich Bilder und Grafiken vergrößern!

Vorbemerkungen:

Wenn man ein Haus bauen will, ist es gut zu wissen, auf welchem geschichtsträchtigen Boden es künftig stehen wird.
Wenn jemand in Barksen seinen Lebensschwerpunkt festmachen will, sollte er sich auch fragen, welche Menschen in diesem Dorf leben und wie die heutige Struktur entstanden ist.

Eine über drei Jahre währende mühselige Recherche bei dem letzten Lehrer der Barkser Volksschule, Arndt Leupold, im Kloster Loccum, im Niedersächsischen Staatsarchiv in Bückeburg und im Archiv der Stadt Hessisch Oldendorf: Edith Patzelt forschte nach dem Ursprung und der Entwicklung des Dorfes. Sie führte Gespräche (auch auf Plattdeutsch) mit den Einwohnern, stöberte bis zuletzt nach Hintergrund-informationen in den Kirchenbüchern und auf Dachböden und fand Fotos aus der Vergangenheit. Aus dieser Kleinarbeit entstand eine Chronik der Ortschaft Barksen  im Wesertal.

Wer an tiefergehenden Informationen interessiert ist, findet sie in dem Buch 
        > Barchusen – Barksen Aus der Geschichte unseres Dorfes < 
Sie wurde von der Dorfgemeinschaft Barksen herausgegeben und ist dort noch zu bekommen.

Diese Internet-Seite ist eine Basis und Kurzfassung dieser Chronik; die in blauer Schrift hinzugefügten Beiläufigkeiten sollen dazu einige Arabesken und Bezüge zur Gegenwart liefern.

In der Karolingerzeit:

Während der seit dem Jahr 772 n.Chr. fast 33 jahrelang immer wieder aufflammenden Sachsenkriege war es Karls des Großen Ziel, die heidnischen Sachsen unbedingt dem Christentum zuzuführen.
Als er im Jahre 782 auf dem Reichstag zu Lippspringe das bereits besetzte, aber nicht beherrschte Land Sachsen in fränkische Grafschaften aufteilte sowie die sächsischen Thing-Versammlungen abschaffte, entfachte er damit den Zorn des Sachsenherzogs Widukind. In der Schlacht im Blutbachtal (Süntel) – hier besser bekannt als die „Schlacht auf dem Dachtelfeld”- vernichtete Widukind das fränkische Heer, während Karl der Große selbst im Osten zur gleichen Zeit die Sorben „christianisierte“.1)
Letzterer revanchierte sich unverzüglich und ließ beim berüchtigten Blutgericht in Verden über tausend Sachsen enthaupten – manche Chronisten berichten von 4500.
Drei Jahre später ließ sich Widukind aus taktischen Gründen taufen. Taufpate war König Karl der Große, der sich nach einem Sinneswandel – nicht zuletzt als Genugtuung für die vollständige Bekehrung der Sachsen – am Weihnachtstag des Jahres 800 von Papst Leo III. zum Kaiser  krönen lassen konnte.

Das Blutbachtal liegt eine halbe Wegstunde nordöstlich von Barksen am Fuße des Hohensteins, sein oberes Teil wird auch Totental genannt.

  • Wenn ich mir die Waldlandschaft im Hohensteingebiet des Jahres 782 vorstelle, kommen mir Zweifel über eine Schlacht in einem dicht bewaldeten, engen Mittelgebirgstal – in dem es noch keine ordnende Forstwirtschaft gab: Kann man da zwischen den struppigen Büschen und Bäumen mit Schwertern dem Gegner den Kopf abschlagen, sodass der Bach sich vom Blut rot färbt? Wahrscheinlicher scheint mir eine Schlacht nebenan auf dem damals lichteren Dachtelfeld, in der Nähe der Blutbachquelle, zu sein.
    Vielleicht haben die Franken die Schlacht auch deshalb verloren, weil in dem Waldgebiet des Süntelgebirges damals noch sehr viel Teufelsholz wuchs und
    ihnen bei Kampf und Flucht die Orientierung nahm: die Süntelbuche (fagus sylvatica var. suentelensis)!?
Hundertjähriges Teufelsholz am Galenberg in Bad Nenndorf
Hundertjähriges Teufelsholz am Galenberg in Bad Nenndorf
Eine Süntelbuche in Barksen, aktuell
  • Warum auch immer, es war die einzige Schlacht, die Karl der Große in den Sachsenkriegen so schmachvoll verlor. Seither war trotz des Sieges der Sachsen die heidnische Feuerbestattung und das Essen von Fleisch an Fastentagen verboten. Und das Christentum wurde  die Religion der jeweiligen Landesfürsten („wes‘ Brot ich ess‘, des Lied ich sing‘ ”).
    Eine Staatsreligion gibt es in Deutschland nicht mehr; aber es gibt im Dachtelfeld heute wieder Süntelbuchen, weil besonnene Förster wollten, dass diese wirtschaftlich nicht verwertbare Pflanzenmutation mit ihren knickwüchsigen Ästen und Zweigen weiter im Süntelgebirge wachsen kann.
  • Seit dem Jahre 2015 kommt man nicht umhin, die Massaker des Islamischen Staats (IS) im Irak und in Syrien mit dem Blutgericht von Verden zu vergleichen: Immer geht es um Macht; und die ist hinter der einzig richtigen Religion oder dem angeblich rechten Glauben versteckt. 

Im Mittelalter:

In einer Urkunde 132. vom 4. Februar 1244 wurde eine Person ‚Meinfridus von Barchusen‚ im Zu-sammenhang mit einem Eigentumsstreit zwischen dem Bischof von Minden und den Grafen von Scowenborg (Schaumburg) genannt.
Im Kloster Loccum ist eine Urkunde aus dem Jahre 1319 archiviert, in der erstmals die Ortsbezeichnung Barchusen erwähnt ist. 2)
Barchusen ist mit Berghausen zu übersetzen und wurde durch Sprachverschiebungen zu Barksen.

  • Man würde den Streithansl Meinfridus heute wohl Manfred nennen; der Name bedeutet nämlich Mann des Friedens! Dies könnte bei künftigen Namensgebungen von männlichen Nachkommen mal bedacht werden – Zeit wär’s.

Der Dreißigjährige Krieg:

Im Dreißigjährigen Krieg belagerte das katholische Heer die Stadt Hameln. Im Juni des Jahres 1633 kam es im Bereich Welsede – Rohden – Barksen – Hessisch Oldendorf  zwischen den Parteien zu einem in dieser Zeit bisher einzigartigen Showdown. Einerseits die kaiserlichen Truppen (Söldner aus verschiedenen katholischen Ländern und unterschiedlicher Mundart) und die verbündeten evangelischen Schweden unter Herzog Georg von Braunschweig-Lüneburg anderseits standen sich gegenüber: Fast 30.000 Mann.
Erstmals
auf der Seite der Evangelischen in einer deutschen Schlacht mit geringen Verlusten durch Einsatz einer Artillerie. Ergebnis: Die meisten der etwa 5000 Gefallenen waren auf der Seite der katholischen Fußtruppen. Die Hansestadt Hameln war nun befreit, und Norddeutschland blieb protestantisch.

Das Schlachtfeld von 1633 vor dem Hintergrund der heutigen Schaumburg. Die Paschenburg (heller Fleck rechts oben) wurde erst im 19. Jahrhundert erbaut.
  • Das Gemetzel vernichtete in der Gemarkung gewiss den größten Teil des spärlichen Getreides (Roggen, Gerste und Buchweizen), wodurch besonders die Kleinbauern mit ihren kargen Äckern in arge Not gebracht wurden. Die Kleinkötner und Brinksitzer* hatten wenig Geld und keine Möglichkeit, sich fehlende Lebensmittel im nächsten Laden kaufen zu können. Die Bevölkerung hungerte sowieso schon erbärmlich wegen der bei allen Kriegsparteien üblichen Requisition, auch Plünderungen bezeichnet. Nicht nur die Barkser lebten in einer grausamen Zeit: Im Laufe des Krieges, der sich zeitlich und räumlich über ganz Deutschland hinzog, wurde die Bevölkerung um ein Drittel dezimiert!
  • Nicht unerwähnt sei, dass das Brinksitzer-Haus, in dem meine Mutter 1920 und auch ich geboren wurde, zum Zeitpunkt der Schlacht bereits 24 Jahre alt war; es überstand alle folgenden Kriege wegen fehlenden Requirierungspotenzials unversehrt und ist heute noch bewohnt von meiner Mutter.

* Als Brink bezeichnet in vielen Dörfern Norddeutschlands eine leicht erhöhte Stelle nahe des Ortsrandes. Diese Siedlungsstellen waren vom Boden her minderwertig und lagen meistens ungeschützt. Die Brinksitzer zählten nicht zu den Bauern: Sie (die Männer) besaßen aber einige Ackerflächen und hatten deshalb auch ein Stimmrecht  in der Gemeinde. Meistens verdienten sie ihren Lebensunterhalt im Dorf als Schuhmacher, Tischler oder Hufschmied, denn nur auf dem Lande war es möglich, ein Handwerk außerhalb von strengen Regelungen der Zünfte auszuüben.

Vor dem 1. Weltkrieg:

„Um einen fühlbaren Mangel zu beseitigen“ – so das Protokoll – „beschlossen im Februar 1901 eine Anzahl Bewohner des Ortes Barksen, einen Gesangverein zu gründen.“ Er wurde Liedertafel Barksen getauft und gab sich eine Satzung, dessen „Arbeitsgebot die Pflege des Volksliedes sein soll, … den Sinn für das wahrhaft Schöne und Edle zu pflegen und zu fördern“. Am Ende des Jahres sangen bereits 27 Mitglieder mit.2)

Und danach:

Von der Landjugend im Reichsnährstand; 1936
Lied der Landjugend im Reichsnährstand; herausgegeben 1936
  • Ab 1935 wurden keine Protokolle der Liedertafel mehr geführt; man sang nun hauptsächlich Deutsches Liedgut, das vom „Kulturamt der Reichsjugendführung“ dringend empfohlen wurde. In der Folge waren ab September 1939 viele Sanges-brüder in höherrangigen Angelegenheiten abwesend; man übte nun Lieder im Viervierteltakt.
    Nach der Vereinssatzung war das aber nicht erlaubt, denn bei der Pflege des Volksliedes klingen solche Lieder nur unwahrhaftig schön.

Nach dem 2. Weltkrieg:

In den letzten Tagen des Krieges wurde – nach der Befreiung von Hameln und Rinteln am 7. April 1945 durch amerikanische Truppen – der „Weserkessel“ um Hessisch Oldendorf weiterhin verteidigt. Bis zum 11. April wurden die letzten 8,8-cm-Geschütze einer Flakabteilung am Waldrand oberhalb von Segelhorst und Barksen durch Beschuss ausgeschaltet. Die letzte deutsche Granatwerfereinheit setzte sich am Mittag dieses Tages über Barksen und Zersen zum Hohenstein ab und „versenkte“ oberhalb des Kreuzsteins die Fahrzeuge im Blutbach. Am Abend war der Weserkessel befreit.3)

  • Auf dem Lande wurden aus naheliegenden Gründen Schweine gefüttert. Während des Krieges war immer zu befürchten, beim Schwarzschlachten erwischt oder – was moralisch noch schlimmer war – denunziert zu werden. Manche litten deshalb unter der kargen Kost, und das war nun vorbei. Als fast dreijähriger kleiner Junge erlebte ich auf der Lafette der zerstörten „Flak” (Flugabwehrkanone) in der Schreberkuhle am Mittelberg mit meines Vaters Hilfe erstmals das Fahrgefühl „Karussellfahren”. Ein einmaliges, unvergessenes Ereignis. Beim nächsten Besuch wenige Wochen später war das Karussell fort, einer anderen Verwendung zugeführt, und das machte mich sehr traurig!
  • Nun folgten Einquartierungen von heutigen Mitbürgern, die aus ihrer ostdeutschen oder tschechischen Heimat geflüchtet oder vertrieben waren. In fast allen Häusern wurde es jetzt eng. Sehr eng, weil sie meist nur eine Wohnung hatten, die nun für mehrere Familien eine Bleibe sein musste. Heute ist es kaum vorstellbar, dass sich diese Enge je wiederholen könnte; aber die Erinnerung daran wird in dieser Zeit vieler neuer Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika bei den älteren Einwohnern wieder wach.
  • Eine Gründerzeit begann. Bald ermöglichten günstige Kredite des sogenannten Lastenausgleichs, in Barksen sesshaft zu werden: Neue Häuser konnte man bauen, mit viel Lehm, Wellerholz und Nachbarschaftshilfe.
    Und seit 1948 gab es auch wieder Aufzeichnungen über „Singübungsabende“ der Liedertafel Barksen im (einklassigen) Schulgebäude und über ein Sängerfest im Zelt im gleichen Jahr. 

In den Jahren 1972 und 1973 wurden die bis dahin selbstständigen Gemeinden Langenfeld, Rohden, Segelhorst, Barksen, Zersen, Wickbolsen, Krückeberg und einige andere in die Stadt Hessisch Oldendorf eingemeindet.
Seit dem Inkrafttreten der Gebietsreform am 1. August 1977 gehört die Einheitsgemeinde Hessisch Oldendorf zum Landkreis Hameln-Pyrmont. Die zuständigen Gremien hatten mit großer demokratischer Mehrheit für das Ausscheiden aus dem Landkreis Grafschaft Schaumburg gestimmt.
Hessisch Oldendorf besteht aus den Ortschaften Fischbeck, Großenwieden, Hemeringen, Hohenstein, Rohdental, Sonnental und Süntel sowie der Stadt Hessisch Oldendorf.
Zur Ortschaft Hohenstein zählen die Orte Langenfeld, Barksen, Zersen, Wickbolsen und Krückeberg.

Vereinsleben in Barksen:

Im Oktober 1981 beschlossen die Vorsitzenden der Barkser Vereine und der Siedlerbundgemeinschaft sowie des Ortsrates eine Dorfgemeinschaft zu gründen. Zweck war vordergründig der Bau einer Schutz- und Wanderhütte.
Im Januar 1982 wurde dafür der Bauantrag gestellt, die Gründungsversammlung des Vereins fand am 25. April statt und am 21. Juli wurde die Hütte eingeweiht.
Im Jahre 1992 wandelte sich die Dorfgemeinschaft in einen eingetragenen Verein um und wurde damit gemeinnützig. Anlass und Grundlage dafür war die Finanzierung der oben erwähnten Dorfchronik.
Im Jahre 2010 wurde die Satzung wegen Überarbeitung des Vereinszwecks zur Gewinnung neuer Mitglieder geändert und danach ein neuer und erweiterter Vorstand gewählt; der Verein hat aktuell 110 Mitglieder.
Im Juni 2014 besuchte eine Kommission Barksen zur Bewertung seiner Zukunftsfähigkeit. Von 9 teilnehmenden Gemeinden des Landkreises  belegte Barksen den vierten Platz. Kreissieger wurde unser Nachbarort Zersen.

Morgentliche  Schutzhütte im Mai 2014

Am 18.  Februar 2017  wurde von der Dorfgemeinschaft anlässlich einer außerordentlichen Mitgliederversammlung  ein vollkommen neuer Vorstand gewählt.

Die Siedlergemeinschaft Barksen hat 222 und der Männergesangverein Liedertafel Barksen 90 Mitglieder, davon ein weibliches. 37 von den Sangesbrüdern kommen sogar aus den umliegenden Ortschaften zu den Übungsabenden, einzig, weil sie gerne singen möchten. Die aktiven Sänger des Gesangvereins – etwa ein Drittel der Mitglieder – üben im Gemeinschaftsraum des Feuerwehrhauses. Sie leiden unter Nachwuchsmangel und Schwierigkeiten, den Gesang noch vierchörig ausüben zu können. Im Jahre 2016 wurde das 115-jährige Jubiläum gefeiert.

Die wichtige Freiwillige Feuerwehr  hat 219 solidarische Mitglieder. Davon sind 147 passiv, also nur fördernd; die Kinderfeuerwehr hat 17 und die Jugendfeuerwehr 13 potentielle Brandbekämpfer in ihren Reihen.
Im Ernstfall können bis zu 36 Feuerwehrmänner und -frauen bei Bränden und Notfällen alarmiert werden.
Zeitzeichen: Die Feueralarme
nehmen durch Fehlauslösung der Brandmeldeanlage immer mehr zu, die Feuerwehr rückt aus: man kann ja nie wissen, … !

Am 1. Januar 2017 :

hatte  Barksen 455 Einwohner; von den ausländischen 4 Dorfbewohnern kommt einer aus einem Land der EU.
Die jährliche Geburtenrate ist schon mehrere Jahre höher als die Zahl der Beerdigungen!

Barksen mit Hohenstein; Perspektive vom Vogelsang

Quellen:

1)  Chronik und Kreisgeschichte des Landkreises Hameln-Pyrmont
2) Barchusen – Barksen   Aus der Geschichte unseres Dorfes  von Edith Patzelt (1993)
3) Damals von Heinz Meyer ISBN 3-87725-094 (1983)

Ein Eintrag Barksen  in Wikipedia bezieht sich seit Februar 2012 auf die ursprünglich veröffentliche, unbebilderte Version.
© F. Alms.